Wein, Weib, Gesang - 20.3.2026
Hochprozentige Lebensweisheiten kredenzt
Zwei Versionen warten auf neugierige Lesende, eine kurze für die Eiligen, gefolgt von einer längeren für Genussleser, die in den Leseabend ganz eintauchen wollen.
Für Eilige: Elf Autoren und ein singender Moderator
Der Landsberger Autorenkreis hatte Ende März zur Lesung „Wein, Weib und Gesang“ ins Café FilmBühne von Frau Gilk eingeladen. Dieses Thema in der Fastenzeit auszugeben war unüberlegt – oder mutig! Bei Mut fühlte sich Moderator Rudolf Anton Fichtl an Carl Michael Bellman erinnert und stellte dessen Lied „Weile an dieser Quelle“, mit Rotwein, Pimpinelle zu Bekassinchen und Ulla, vor.
Ausgelost, folgten inhaltlich weit aufgefächerte Beiträge der Autorinnen und Autoren Dieter Vogel, Klaus Wuchner, Gerwin Degmair, Tina Vogel, Barbara Koopmann, Roland Greißl, Klaus Büttermann, Carmen Kraus, Dr. Boris Schneider, Thomas Glatz und Dr. Herbert Brims.
Zurückgegriffen wurde bis in die Zeiten von Luther, Goethe, Johann Strauß Sohn, doch auch ein Spiegel der heutigen Gesellschaft war dabei, inklusive Wehrdienst der Frauen und ihre Treue zu Mann und Vaterland wie auch der schlichte Genuss eines edlen Tropfens zum Tagesausklang. Neben vorgeblich künstlichen Lebensweisheiten – „Man sagt ja, dass die KI versteckte Weisheiten enthält, die selten vordergründig und oft nicht hintergründig sind“ (DV) – gab es auch echte wie: „Die Arbeit gelingt, wenn der Weinarbeiter singt und genussvoll erschöpft in des Weibes Armen versinkt.“ (KW)
Es ging um das Kunstwerk Frau ebenso wie um des Mannes „Rest“, um modernes „Orgelgekeif“ und die Sehnsucht nach Mozart und Haydn. „Merlot, Mensch, Musik“ sollten herhalten für genderneutrale Sprache und die 2. Strophe des Deutschlandliedes lebenslange Begeisterung zum Edlen wecken. Die Gastautoren Büttermann und Brims plauderten vom Alten Schwabing und der Weltoffenheit der eigenen Ehefrau.
Zufrieden ob der spannenden Texte schloss der Moderator den gelungenen Leseabend, zu dem er mit der Themenwahl, seiner Gitarre und den vielen Bellman-Einlagen selbst reichlich beigetragen hatte. Haarklein nachzulesen ist das im Folgenden.
Für Genießer: Von Luther über Bellman und Fredl Fesl bis zur KI
Freitagabend, 19 Uhr im Café FilmBühne. Frau Gilk und ihre Angestellte wuseln schon eine Stunde lang zwischen Küche und Gastraum, die ersten Teller werden bereits abgeräumt. Rudi hat seine Gitarre ausgepackt, den Barhocker aufgeklappt und die Blätter zurechtgelegt, die Namen der Lesewilligen auf kleinen Zetteln notiert, sie gefaltet und in der Mütze versenkt. Es kann losgehen.
„Wein, Weib, Gesang“ als Thema in der Fastenzeit auszugeben ist unüberlegt – oder mutig! Bei Mut denkt der Moderator doch gleich an Carl Michael Bellman, jenen schwedischen Barden, der mit ein paar Jahrhunderten Verspätung in die Welt geworfen war. Seine Weisen sind wilde Rittergesänge, doch auch sozialkritisch nahm er kein Blatt vor den Mund. Mangels schwedischen Zuhörern stimmt Rudolf Anton Fichtl das Bellman-Lied „Weile an dieser Quelle“ auf Deutsch an. Der schafft es, Rotwein mit Pimpinelle und Bekassinchen zu kredenzen und mit „Skål, Ulla, skål! … dazu ein Stücklein Schinken“ allmählich auch das weibliche Element mit einzubeziehen. Spätestens bei „Ich spüre der Jahre Schwere, bin nicht so jung, wie ich’s gern wäre,“ konnten alle lachend mitgehen.
Ausgelost, folgten die Beiträge der Autorenfreunde, inhaltlich durchaus weit aufgefächert.
Dieter Vogel war thematisch sofort an Luther, Goethe, Johann Strauß Sohn erinnert, was er in „Lebensweisheiten oder Sprüche“ geschickt mit unserer modernen Zeit verband. „Man sagt ja, dass die KI … versteckte Weisheiten enthält, die selten vordergründig und oft nicht hintergründig sind.“ Eine Reihe von Beispielen untermauern das: „Wer nachts schläft und am Tag träumt, ist niemals richtig wach.“ Oder: „Eine Fliege auf der Wurst vertreibt sofort auch den Hunger.“
Ganz anders Klaus Wuchner, dessen kleines Werk Tina Vogel vorliest:
„Die Arbeit im Weinberg gelingt, wenn der Weinarbeiter singt
und genussvoll erschöpft in des Weibes Armen versinkt.“
Aus seinem großen Bestand schöpfte Gerwin Degmair und trug gleich mehrere Gedichte vor, zu einer Weinprobierbude, in der man mit Weinen zum Lachen kommt, vom Kunstwerk Frau, aus dem der Schönheit Genius so sehr strahlt, dass der beäugende Mann sich zum Kunstgenuss verführen lässt. Und dann das zotige „Erst die Gewürze“, in dem die edel zu Mozarts Figaro Gekleidete „des Mannes Rest“ in seine Schranken weist, denkt der doch stets „ganz schnell/ nur an ein Ziel, das Bettgestell“. Am Schluss führt er „Kirchenchor und Galgenhumor“ zusammen, was beim Stimmwunder-Talent des Tenors bitter nötig ist. Was Wunder, dass man sich, auch bei modernem „Orgelgekeif“ nach Mozart und Haydn sehnt.
Noch einen Bellman bietet Rudi und wieder muss die wilde Hummel Ulla Winblad mit, diesmal in „Rasch, es weht ein Wind von Süd“: „Lass die Segel fallen … teure Augenweide“ verspricht Erfolg, denn: „Ulla hat noch nie gegeizt, sie gehört uns allen.“
Tina Vogel will die alte Aufzählung von anno dazumal in die heutige Zeit übersetzen, doch was muss man da alles bedenken: Wasser statt Wein, Wesen statt Weib, Schweigen statt Gesang? Das ist ihr dann doch zu asketisch. Geschlechterneutral in Alliteration: Merlot, Mensch, Musik? Das findet Rudi nun wieder zu provokativ, doch wir sind gern aufgerufen, uns weiter Treffendes auszudenken.
Barbara Koopmann will uns zu philosophischer Gesamtschau verhelfen und stellt die richtigen Fragen: Was bedeutet die Aussage „drei Dinge braucht der Mann“: eine verrauchte Kneipe, ein lockendes Weib als Begehrlichkeit und dazu Gegröle? Eine Drillingsform dessen, was den Männern das irdische Dasein verschönt? Das „Trinke Wein“ von der Band „Die Streuner“? „Weib, bleibt das Hemd zu oben, kriegst du keinen Mann zum Toben“? Dringend rät sie, die 2. Strophe des Deutschlandliedes zu lesen, wo die deutsche Frau für Treue steht, die aber auch mahnt, „uns zu edler Tat (zu) begeistern unser ganzes Leben lang“.
Treue hat auch Roland Greißl thematisiert, wenn auch eine ganz anderer Art: die Treue einer jungen, bildhübschen ukrainischen Frau zu ihrem Land, ihrem Volk. An einen Zeitungsbeitrag der letzten Tage anknüpfend schrieb er den kurzen Beitrag:
„Allgemeine Wehrpflicht
Was für eine schöne Frau!, dachte er sich für den Bruchteil einer Sekunde. Weiter kam er nicht, denn die Finger am Abzug ihres Gewehres waren schneller als seine Gedanken.“
Damit ging sein erster Text fast unter, weil einen das Bild nicht mehr losließ. „Tiere sind keine Männer,“ meinte er dort, „aus der Norm fallend unterliegen sie der Auslese.“ Doch stimmt das so? Kurz zuvor hatte er ein Amselmännchen mit Leuzismus gesichtet, der Pigmentstörung, die ihm ein weißes Köpfchen bescherte. Während der Mann sich glücklich schätzen würde, etwas so Besonderes zu „besitzen“, kommt es im Reich der Vögel aber offenbar weniger auf das Aussehen an. Die anderen Vögel bevorzugten es nicht, stießen es aber auch nicht aus, sie gingen völlig normal mit ihm um. Eine Lernaufgabe für Mann?
„So trollen wir uns“, sang Bellman-Imitator Rudi. „Wer heut noch … glaubt, ein großer Herr zu sein: Pass auf, der Schreiner hobelt … schon an deinem Schrein!“ Und: „Von jedem Schlückchen, das du schluckst, nimmt schon der Wurm sein Teil!“ Doch „nimm noch einen, oder zwei oder drei – dann stirbst du sorgenfrei.“
Sorgenfrei geht es sodann in die Pause. Es gibt ja aber auch viel Stoff für Diskussionen, Buchempfehlungen werden ausgetauscht, Freude übers Wiedersehen mit Nachzüglern bekundet …, so dass die Zeit im Nu verfliegt.
Und schon ruft Barde Rudi mit „Du wunderbarer Rebensaft …, jeder Tropfen bringt Verstand!“ zum Thema zurück. „Ich pfeif auf Schnaps, Bier, Sekt … ich trink auf dich!“ Um dann lapidar anzufügen, dass das mal nicht vom Bellman war, sondern von seinem Sänger.
Gastautor Klaus Büttermann, schon zum zweiten Mal im Autorenkreis, bestimmte das Los zum Einläuten der zweiten Leserunde. In seinem Erinnerungstext „Das Posaunenwunder“ gab er Einblick ins Schwabing der 1970er Jahre. Eigentlich hatte es seine Wurzeln in den 50ern, als eine fünfköpfige Familie auf 53 Quadratmetern wohnte und eine Posaune an der Wand hing. Der eintreffende Wohnungsprüfer war Hobbymusiker und Fan von Max Greger – was den jungen Leuten zur schnellen Hochzeit und dem Bezug einer neuen Wohnung verhalf. In deren Kohlenkeller trafen sich Die Nowak und Karl Hofer, Kalterersee und Edelzwicker, Willi Michl und Pizza vom Haider, also pures Leben, unvorstellbar frei! Das half dem Aufräumer und Müllentsorger dann sogar zu einem 200er Benz mit Heckflosse und Urlaub, denn das „Schwabinger Brettl“ war täglich geöffnet, mit Programm … unter anderen auch von Sigi Aldenhoff.
Carmen Kraus hatte ein „Heurigenlied“ dabei, geschrieben in einem Seminar von Marlen Kühnel. Als Inspiration diente „Ohne Lieb und ohne Wein (kann man sich nicht freuen)“ von Christian Felix Weiße (1776). In der Version aus Landsberg wird überm Wein das Lieben vergessen, weil man ohne Maß bei ersterem bleibt. „Doch ein Gläschen nur, es macht/ zartrosige Wangen/ und es schenkt der Zagen sacht/ Liebe bald statt Bangen.“ Ihm folgte ein aktueller Spiegel der Gesellschaft – vom ehrbaren, singenden Bürger der Aufbaujahre über Snob und Yuppie bis ins Heute – da uns immerhin noch die Hoffnung auf „Würde, Werte, Ehren, Mitfühlen“, auf „Leichtigkeit und Liebe“ beim Zusammenpuzzeln der Zukunft trägt.
Die „Weinschlafhilfe“ von Dr. Boris Schneider ist nicht nur ein gutes Tröpfchen, das ein alter Herr genießt. Fußballspielen kann er nicht mehr, aber seinen Lieblingsautor Shakespeare lesen, King Lear, das geht noch. Und sich an das kindliche Kichern der Enkel erinnern, und dass man es nur so gut hat, wie man es sich macht … und schlurft „im Dämmerschein des Spätsommerabends“ zufrieden mit sich und der Welt schon gegen neun Uhr ins Schlafzimmer.
Thomas Glatz teilt mit, dass am Sonntag die „Schwabinger Schaumschläger“ wieder im Vereinsheim in der Occamstraße 8 gastieren, wo Wolff und Michi Sailer Geschichten aus dem Leben erzählen, also vom Schönen und vom Schlimmen, zum Träumen und zum Heulen. Dann liest er hier seine ChatGPT-Aufträge, ein „Chanson im Stil vom alten Bellman“ etwa: „Der alte Graupensepp bringt den Bluesrefrain und fährt heim nach Laim.“ Doch klang das nicht nach Fredl Fesl? Also ein „Frühlingsgesang“: „Wir stehen auf dem Garagendach und schippen und schippen. Wir singen: Den Schnee muss man schippen.“ Hm, auf ein Neues, ein „Sauflied“: „Der mit dem Schwein pfeift …“ Oder doch über Berlin: „Berlin erwacht. Kaffee gemacht. Knef singt. Berlin erwacht. Gut Nacht.“ Und ja, natürlich waren sie alle von ihm selbst, nicht von der schief gewickelten KI.
„Frühlingslied“ war das Stichwort für Rudi. Denn der alte Bellman hatte doch den „Hag im Frühling“: „Jedes Würmchen auf der Heide … von der Sonne wachgekost, funkelt silbergrün umtost“ und dann „fallen blanker Texte Klingkaskaden“, führen den Bauersmann zum Ziel und „selbst des Griesgrams Herzgefilde wird bei diesem Anblick weit“.
Weit wird es auch bei Dr. Herbert Brims, dem neuen Gastleser. Sehr gern sei er ja für sich allein, ein genügsamer Mensch, teilt die Kurzgeschichte mit. Mit dem Übermaß-Thema der letzten Lesung, an dem der Mensch zerbricht, konnte er nichts anfangen. Doch seine Frau meinte gleich: „Wie interessant!“ Und so sah er das neue Thema „Wein, Weib, Gesang“ durch ihre Augen, und da dämmerte ihm: Das Weib kennt sich mit Wein viel besser aus, aber auch mit Gesang, den sie im Kammerchor einübt. Endlich, endlich weitet sich sein Blick auf ihre wahren Qualitäten!
Nach dieser auflockernden Erkenntnis schloss Moderator Rudi den Leseabend offiziell, an den Tischen rutschte man neu zusammen und ließ sich das Thema nochmal durch den Kopf gehen. Oder schon das angekündigte neue: Denn der Autorenkreis beginnt seine „Lesereisen“ am 17. April in der Bücherei Kaufering. Die Lesebeiträge der Autorenfreunde versprechen ein „Wortfeuerwerk“, nimmt Moderatorin Theresa Schermer vorweg. Solche Vorgabe zu erfüllen passt gut zur aufbrechenden Natur mit zunehmenden Sonnenstunden und konzertanten Vogelstimmen. „Wir freuen uns auf zahlreiche Gäste und einen Abend, der im Kopf bleibt und im Herzen nachklingt“, schwärmt Theresa.
Carmen B. Kraus
Fotos: Tina Vogel und Thomas Glatz
Gruppenfoto: Corinne Haberl








