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Gratwanderung - 29.5.2026

In Balance zu neuen Erkenntnissen

Moderatorin Lore Kienzl begrüßt die Autoren und Gäste im Deutschen Haus in Waal mit Freude über die vielen besetzten Stühle im großen Saal und erläutert kurz das von ihr gewählte Thema: Vom Bild einer „Gratwanderung“ in der Natur, den Bergen ausgehend, wo sich links und rechts vom Grat Weitblick, Überblick bietet, fällt die Entscheidung über die weitere Wanderung meist leicht. Das Bild ist auch Symbol für die Gratwanderung im Leben des Einzelnen, denn die Lebensgestaltung hängt oft von eigenen Entscheidungen ab. Es fordert Mut, Erfahrung und Wachheit, um die Balance zu halten. Der Ausgang mag unvorhersehbar sein, eine Erfahrung ist uns aber gewiss.

15 Autoren haben in knapp zwei Stunden zum Thema ganz Unterschiedliches aus ihrem Leben oder aus der Fantasie berichtet: Thomas Glatz, Dieter Vogel, Martje Herzog, Ulf Großmann, Gastleser Hermann Schütz, Roland Greißl, Franz Oberhofer, Tina Vogel, Carmen B. Kraus, Heiko D. Felbrici, Andrea Sperling, Marianne Porsche-Rohrer, Barbara Koopmann, Klaus Wuchner und Klaus Büttermann.

Thomas Glatz weiß von dem Kind, das Dirigent für Waldhorn und Pauken werden wollte, dirigieren bei guter Akustik und mit unzerbrechlichem Taktstock. Seine Reise nach Usbekistan muss Dieter Vogel abbrechen, weil sie zur Gratwanderung mit viel Stolpern und Abstürzen ins Ungewisse wurde. Martje Herzog aber, die in Peru nach Filmaufnahmen mit Werner selbst hinauf ins Gebirge wollte, rettete wohl durch spontanes, mutiges Eingreifen das Leben des übermüdeten Busfahrers und seiner Fahrgäste.

Wir hören Gedichte von Ulf Großmann mit Bildern wie Stillleben, vom Alleinsein, vom Kampf des Lebens, von Fuchs und Hase, Ameisen auf grauer Erde, einem Findelkind in der Zinkwanne – trotz allem: voller Mond und Melodien bleiben in schöner Erinnerung. Da wünschte sich einer, ein Rebell zu sein, und später rebelliert er gegen das Establishment. Doch was im Leben zählt, sind nicht Schrittzähler und Diäten, erfährt er von einer weisen Frau, sondern die kleinen täglichen Glücksmomente.

Von Träumen hört man, die nicht ruhig schlafen lassen, bis die ihnen eingeschriebene Botschaft erkannt wird. So auch die früh im Leben erfahrene Wärme der Kirche: Sie kann einen behütet und beschützt fühlen lassen, und erst die Kälte draußen wird zur Herausforderung. Auch Geruchserinnerungen haben ihre Tücken: Wer mag schon Saure Lunge mit Wachholder riechen und essen? Eine kleine Notlüge soll Abhilfe schaffen.

Manch einer hat sein Leben ohne jegliches Gefühl von Gratwanderung gelebt, doch es war ihm wichtig, sein ehrliches Gesicht im Spiegel Tag für Tag betrachten zu können. Was macht das Leben erträglich? Kinder sind locker-fröhlich, Erwachsene wirken oft verkrampft und freuen sich auf Entspannung bei Nacht, bei knisterndem Kaminfeuer. Manche haben ihr Leben lang in Armut und Entbehrung gelebt. Im Alter im Seniorenheim, bei Pflege und Geborgenheit, kann man sich erlauben, sich selbst zu verlieren, einfach im Hier und Jetzt zu sein, und doch im Nirgendwo.

Erfahrungen am laufenden Band, mit Neugier, Zuversicht, Freude am Leben in Aktivität, Flexibilität, Vielseitigkeit, all das kann Balance halten beim Schritt für Schritt sich ausprobieren, kann Freude, Erfolg und Selbstbewusstsein bringen. Und im Alter, wenn die Kraft nachlässt, kann man sich getrost zurückziehen und vom Fenster aus die Welt betrachten. „Ein Grat heißt Grat, denn er ist nicht grad. Er ist gezackt und deshalb gewagt. Manche Rede ist gewagt und somit auch auf einem Grat“, steuert Klaus Wuchner noch bei. Und Klaus Büttermann führt diplomatische Höflichkeiten als Lebenskunst an und dass Fettnäpfchen sich wohl jeder selbst aufstellt, etwa im Eifer des Berufslebens. Doch gelingt es, sie durch Erkenntnis zu erheben, wird aus der Gratwanderung eine gute Lebensreise.

Oder die nächste Lesereise: am 19. Juni ins Fuchstal, zum Gasthaus Seerose in Welden, wo die Wundertüte der Autorenbeiträge sich wieder den Zuhörenden öffnet.

Barbara Koopmann

Fotos von Roland Greißl und Thomas Glatz